Bergfest ohne Gipfel: Ein EM-Fazit

geschrieben von Benjamin Weissinger | in Allgemeines, Fussball, Spieler | am 30. 06. 2008

Es bleibt eine der Ur-Fragen sportlicher Wettbewerbe: Ist der Zweitplatzierte der zweite Gewinner oder der erste Verlierer? Letztendlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Michael Ballack sollte man diese Frage vielleicht erstmal nicht stellen. Auf ARD und ZDF ließ man bei der mittäglichen Ankunft der Nationalmannschaft in Berlin derweil keine Zweifel daran aufkommen, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen die Frage klar mit “Gewinner” beantwortet. Mehr noch. Als die Lufthansa-Maschine nach ein paar “Ehrenrunden” über der Hauptstadt endlich eintrudelte, hieß es gar: “Da kommen sie, die Helden von Wien.”

Zwei Spiele hat die deutsche Nationalmannschaft in Wien ausgetragen. Im ersten Match zitterte man ein 1:0 gegen den krassen Aussenseiter Österreich über die Zeit, und beim zweiten Auftritt im Ernst-Happel-Stadion musste man sich den in allen Belangen überlegenen Spaniern geschlagen geben. Mir will einfach kein Grund einfallen, die am Sonntag schlichtweg überforderten Jogianer als Helden zu empfangen. Für mich ist dieses banale Ignorieren sportlicher Realitäten ein Kniefall gegenüber den Public Viewing- und Eventfans, für die Ergebnisse und Leistungen ohnehin nicht zählen und für die der Fußball nur als Vorwand dient, sich wochenlang selbst zu feiern.

Warum nicht klar benennen, was gut und was schlecht war. Gut war (und ist), dass die deutsche Nationalmannschaft einen Weg weitergegangen ist, den Klinsmann begann und der uns in ein Zeitalter des modernen Fußballs führt. Noch konnten wir dieses Konzept nicht so konstant mit Leben füllen, wie es uns schon des Öfteren in Ansätzen gelungen ist. Ich sehe der Zukunft des deutschen Fußballs jedoch insgesamt optimistisch entgegen. Wir präsentierten streckenweise temporeichen Offensivfußball, müssen jedoch einsehen, dass wir noch nicht über die nötige Tempohärte verfügen, diese Spielweise 90 Minuten (oder länger) durchzuhalten. Wir müssen auch erkennen, dass wir weiter hart an technischen Mängeln arbeiten müssen.

Die Mannschaft hat durchaus Anerkennung verdient. Vor allem einzelne Spieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski zeigten ihr großes Potential, und alle sind sie noch jung. Es gibt jedoch noch viel zu tun, und auch die anderen Länder schlafen nicht. Bei der WM-Qualifikation werden wir es mit einer jungen russischen Mannschaft zu tun bekommen, die sich unter Guus Hiddink rasant entwickelt. Das Fazit der EM sollte lauten: Gute Ansätze sind vorhanden, und diese müssen ausgebaut werden. Einen Grund zum Feiern oder einen Grund für Selbstzufriedenheit sehe ich persönlich jedoch nicht. Feiern hebe ich mir für die Momente auf, in denen es etwas zu feiern gibt.