Der brutale Rensing

geschrieben von Benjamin Weissinger | in FC Bayern München, Fussball, Spieler | am 18. 12. 2008

Oliver Kahn hat leicht reden. In regelmäßigen Abständen gibt er seinem Nachfolger Michael Rensing, den er in aller Regel eher verteidigt als kritisiert, gute Ratschläge, wie er sein Spiel noch verbessern könnte. Jüngster Rat: Der 24-Jährige müsse “brutaler” werden. Leichter gesagt als getan. Nicht jeder bringt von Haus aus eine so animalische Urgewalt, eine natürliche Brutalität mit wie “King Kong”-Kahn. Die Fußstapfen, die das Alpha-Tier hinterlassen hat, sind zu groß und zu tief. Rensing hat nicht dieselbe, natürliche Autorität. Wenn er versucht, Kahn in dieser Hinsicht nachzueifern, kann er eigentlich nur verlieren.

Jahrelang galt Rensing als Kronprinz mit goldener Zukunft. Doch nie ruhte die Verantwortung allein auf seinen Schultern. Rensing hat den Übergang vom Notnagel zum vermeintlichen Fels in der Brandung offensichtlich unterschätzt. Wenn er versucht, wie Kahn Vorderleute zusammenzustauchen oder Gegenspieler bei Standardsituationen mal einen mitzugeben, wirkt das unweigerlich wie ein schwacher Abklatsch des Meisters, wie das Fauchen einer Hauskatze, wo früher ein Löwe brüllte. Mit- wie Gegenspieler reagieren anders auf den 24-Jährigen. Wo früher die Menge auseinanderstob, wenn Kahn angetrampelt kam, prallt Rensing des Öfteren an einer Spielertraube ab, die ihn kaum beachtet Dazu kommt sein schlechtes Timing. Zu oft segelt er zu früh oder zu spät los oder irrt durch den Strafraum, was in der Hinrunde bereits den ein- oder anderen Punkt kostete.

Vielleicht ist es diese unangenehme Erkenntnis, die Rensing zu einem geradezu brutalen Gegenangriff auf einen seiner schärfsten Kritiker in den eigenen Reihen, Franz Beckenbauer, verleitet hat. Die Bemerkung des Kaisers, sein Verhalten beim 2:2 gegen den VfB Stuttgart sei “amateurhaft” gewesen, bezeichnet Rensing in einem Bild-Interview als “Schwachsinn.” Sein Spiel zu ändern, daran denkt der gebürtige Lingener nicht im Traum. Stattdessen sieht er sich in Zukunft als Kandidat für die Nationalmannschaft, denn: “Schlechter als meine Konkurrenz bin ich ja nicht.” Kühne Worte aus dem Munde eines Keepers, der in der Hinrunde vom Kicker die drittschlechteste Durchschnittsbewertung aller Bundesliga-Stammtorhüter erhielt.  Nicht nur weit entfernt von Adler, Neuer, Wiese und Co – sondern auch schlechter als Tremmel, Haas und Heimeroth.

Geprägt von falscher Selbstzufriedenheit ist auch seine Feststellung, er habe sich als Nummer 1 bei den Bayern bewiesen. Dabei war er in der Hinrunde nur deshalb unumstrittener Stammspieler, weil die Bayern im Vorfeld voll auf die Karte Rensing setzten und deshalb keine echte Alternative im Kader war. Das könnte sich ändern. Erste Gerüchte werden laut, die Bayern könnten sich nach eben solchen Alternativen umsehen. So soll Hoeneß Medienberichten zufolge die Fühler nach Artur Boruc ausgestreckt haben, dem polnischen Nationalkeeper in Diensten von Celtic Glasgow.

Freilich ist es das gute Recht und vielleicht sogar die Pflicht Rensings, sich als ambitionierter Jungprofi auch verbal zu behaupten und sich sein Selbstbewusstsein nicht allzu sehr ankratzen zu lassen. Insbesondere im Haifischbecken des FC Bayern. Doch vielleicht wäre es manchmal besser, kleine Brötchen zu backen, Kritik anzunehmen und an seinen offensichtlichen Schwächen zu arbeiten, anstatt sich ununterbrochen starkzureden. Brutal zu sich selbst sein ist auch eine Stärke. Vielleicht ist es das, was Rensing noch am meisten fehlt.