Die Erbsensuppe in den Köpfen
geschrieben von Benjamin Weissinger | in Borussia Dortmund, Fussball, Skandale, Vereine | am 25. 11. 2009
Ein Ruhrpottgigant hat Mitgliederversammlung. Und das im Jubiläumsjahr. 100 Jahre BVB, riecht nach guter Stimmung. Es riecht jedoch vor allem die Erbsensuppe, die den anwesenden Gästen gereicht wird. Ihr schwerer, säuerlich-bäuerlicher Gestank zieht in die Klamotten und in die Köpfe. Durch die Mitgliederversammlung weht der Wind der Gegenwart. Der Champions League-Sieger von 1997 kickt seit Jahren im Mittelfeld. Jedoch nicht unzufrieden. Viele Fans schätzen den familiären Klopp und seine Elendsverwaltung. Und tatsächlich muss man ihm lassen: Er quetscht soviel Saft aus der schrumpligen Orange heraus wie es nur eben geht. Trotz allem gehen Spiele im Jahr 2009 reihenweise in die Hose. Im Jubiläumsspiel wird man von einer B-Elf aus Madrid mit 0:5 gedemütigt, die Fans pfeifen jedoch nicht ihre Mannschaft, sondern Cristiano Ronaldo aus. Im Pokal scheitert man am Drittligisten Osnabrück, auch das Derby gegen Schalke geht verloren. Geld für bessere Spieler ist nicht da. Stars, die internationales Flair versprühen, wurden abgegeben. Der Schuldenberg drückt, ein paar Millionen Verlust fallen da kaum ins Gewicht. Der Wert der Aktie liegt etwa bei einer Flasche Brinkhoffs (mit Pfand). Man kann als BVB-Sympathisant garnicht soviel saufen, wie man vergessen möchte.
Doch schlecht ist die Stimmung bei der Mitgliederversammlung nicht. Man hat sich lieb, man tut sich nicht weh. Man hinterfragt sich nicht, man hält zusammen. So wie die Erbsensuppe zusammenhält. Vielmehr hat nun die Stunde der Dampfplauderer und Populisten geschlagen, um das angekratze Selbstbewusstsein des gefallenen Riesen wieder aufzubauen: Auf Kosten anderer. Hans-Joachim Watzke gibt den Takt vor. Schimpft wie ein Rohrspatz auf die finanziell und sportlich überlegene Konkurrenz aus Wolfsburg und Hoffenheim. Verspottet deren Akteure und Fans. Und erklärt dann nochmal allen, warum der BVB nicht international spielt: Weil ein Linienrichter dem HSV ein irreguläres Tor nicht aberkannt hat. “Schuldig, schuldig, schuldig.” Der ausgestreckte Zeigefinger von Watzke wird immer länger, so lang wie einst nur die Nase von Kevin Großkreutz, mit dem sich Watzke nach seiner Lügengeschichte im Derby ausdrücklich solidarisierte.
Das ist die bittere Realität beim BVB. Der Verein erstarrt in gegenseitigen Solidaritätsbekundungen, während ein entfesselter Geschäftsführer Jagd auf die macht, die den BVB daran hindern, Vereine wie Gladbach (letzter Spieltag 08/09) und Mainz (letztes Wochenende) zu schlagen. Derselbe, der die Mitgliederversammlung dazu nutzt, Meinungspluralität ein klare Absage zu erteilen und dem Befürworter der 50+1-Abschaffung, dem verdienstvollen Ex-Borussen Steffen Freund, gleich mal klarmacht, dass er ab sofort nurnoch als “Schalker” gilt, der sowieso nichts zu sagen hat. Willkommen beim Dorf-Stammtisch. Es darf gegröhlt, gepöbelt, Erbsensuppe gegessen werden.
Und während die ganze Liga seit Wochen von nichts anderem redet als ein wenig mehr Menschlichkeit und Zurückhaltung in den Bundesligazirkus einkehren zu lassen, werden Leute wie Dietmar Hopp zum Abschuss freigegeben. Es ist eben nicht nur diese offensichtliche Taktik des schlechten Verlierers, auf andere einzuschlagen, um von seinen eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, sondern auch die Verantwortungslosigkeit, mit der Menschen, Vereine und deren Fans auf diese Weise gemobbt werden. Es wird dringend Zeit, dass sich der Verein auf alte Tugenden besinnt, und dass ein Reinhard Rauball, der ja nicht nur BVB-Präsident, sondern auch Präsident der gesamten Liga ist, diesem unwürdigen und demütigenden Treiben ein Ende setzt. Dann kann im Jubiläumsjahr vielleicht doch noch so etwas wie Freude aufkommen. Denn selbst wenn man keinen sportlichen Erfolg hat: Die Würde darf man dabei nicht verlieren.





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