Jol, Petrolic und der Faktor Glück
geschrieben von Benjamin Weissinger | in Fussball, Hamburger SV, Spieler, Trainer | am 18. 12. 2008
Die Hinrunde des Hamburger Sportvereins ist fast eine Kopie des letzten Jahres – zumindest was die Ausbeute anbelangt. In der Tabelle rangiert man auf Schlagdistanz zur Spitze, die UEFA-Cup-Gruppenphase hat man als Klassenbester bestanden, auch im DFB-Pokal ist man noch dabei. Trotzdem will sich überschwängliche Euphorie beim ewigen Bundesligisten nicht so recht einstellen. Das mag zum einen daran liegen, dass man Anfang diesen Jahres die leidvolle Erfahrung machen musste, wie schnell die blendenden Perspektiven wie Seifenblasen zerplatzen können. Zum anderen räumten die Hanseaten nach dem sehenswerten 3:1-Erfolg über schwache Briten aus Birmingham selbstkritisch ein, dass noch lange nicht alles Gold ist, was nun den Winter über glänzen darf.
Huub Stevens’ Nachfolger und Landsmann Martin Jol wurde nach dem Abgang des Schwergewichts Rafael van der Vaart vor eine gleichermaßen reizvolle wie schwierige Aufgabe gestellt. Mit dem stolzen Transfererlös konnten kurz vor Beginn der Saison eine Reihe von namhaften Neuzugängen geholt werden, die es schnell zu integrieren galt. Gelungen ist das größtenteils nicht. Wäre da nicht England-Schreck und Ex-Borusse Mladen Petric. Ganz im Stile des abgewanderten Holländers machte er gleich reihenweise den Unterschied. Rettete jeweils mit Doppelpack den UEFA-Cup-Erstrundenerfolg gegen überraschend starke Rumänen aus Urziceni (die in der heimischen Liga übrigens auf Champions League-Kurs sind) und den Verbleib im DFB-Pokal gegen den VfL Bochum.
Auch in der Bundesliga hatte der Kroate, der in den drei Wettbewerben zusammengenommen schon 15 Tore erzielt hat, regelmäßig Anteil an knappen Siegen. Die Liste dieser zwar nicht völlig unverdienten, häufig jedoch glücklichen “Dreier” ist lang. Schon am 2. Spieltag gelang Joris Mathijsen nach Flanke von Petric gegen den KSC das Siegtor in der Nachspielzeit. Gegen Cottbus war es Mladen P. selbst, der in der 90. zum 2:1 traf. Auch beim schwachen 1:0 über Gladbach nutzte der HSV seine einzige echte Torchance, ähnliches lässt sich über den 1:0-Sieg gegen Frankfurt sagen. Im Nordderby war es Petrics bisweilen kongenialer Landsmann Ivica Olic, der die Grün-Weißen aus Bremen mit einem Sonntagsschuss ausknockte, gegen den VfB Stuttgart war der HSV über lange Zeit die unterlegene Mannschaft, machte jedoch wieder das entscheidende Tor.
Will man es positiv bewerten, könnte man von der neuen Cleverness des HSV sprechen. Doch wie groß war der Faktor Glück? Bewertet man die rein spielerischen Leistungen, so kommt man zumindest nicht umhin, festzustellen, dass die spielerische Armut und die Anfälligkeit der in der letzten Saison unter Stevens noch so sattelfesten und berühmt-berüchtigten Defensive (11 Gegentore mehr als letztes Jahr) phasenweise bedrückend war. Besonders gegen individuell unterlegene Gegner taten sich die Rothosen schwer.
Schmerzlich vermisst wurde ein Kreativspieler im Mittelfeld; eine Rolle, die Thiago Neves zugedacht war, den Jol jedoch größtenteils auf der Bank schmoren ließ. Auch die fehlende Ordnung der Hintermannschaft lässt sich teilweise auf die enttäuschenden Neuzugänge wie Alex Silva und Marcell Jansen zurückführen. Andererseits war es Jol, der reichlich experimentierte und umsortiere, ohne dass eine Formation nachhaltig überzeugen konnte. Im Gegenteil – einige seiner Schachzüge, wie den Innenverteidiger und nicht mehr allzu laufstarken Joris Mathijsen gegen Hoffenheim auf die Außenverteidigerposition zu stellen, oder den unerfahrenen Alex Silva ausgerechnet gegen die offensivstarken Wolfsburger sein Ligadebüt feiern zu lassen, gingen gründlich in die Hose. Beide Spiele waren jeweils mit 0:3 zur Halbzeit entschieden.
So kommt es, dass Martin Jol sich über viel Lob und viele Geschenke unter dem Weihnachtsbaum freuen darf, die nicht zwingend auf seine Arbeit zurückzuführen sind. Wahrscheinlich weiß er das auch. Nach den Feiertagen gilt es für ihn, die Leistungsfähigkeit des Teams an die erzielten Erfolge anzugleichen. Das gute Ergebnis der Hinrunde zu wiederholen, wird schwer.





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