Wer hat Angst vor Österreich?

geschrieben von Benjamin Weissinger | in Fussball, Spieler | am 15. 06. 2008

“Wien wird Cordoba.” So schallte es am Wochenende durch die Straßen der Alpenmetropole. Während die holländischen Schlachtenbummler sechs Punkte und sieben Tore gegen Weltmeister Italien und Vize-Weltmeister Frankreich feierten, reichte für Österreich ein später Ausgleichstreffer gegen Polen, um das Land in einen Freudentaumel zu versetzen. Und in der Wiener Zeitung stellte Simon Rosner bezüglich der Euphorie vor dem Entscheidungsspiel gegen Deutschland augenzwinkernd fest: “Besser man feiert es vor, da ist man auf der sicheren Seite.”

So sympathisch diese Selbstironie auch ist, sie ist nicht mehr nötig. Österreich hat es verdient, zu feiern, und sie gehören jetzt schon zu den Gewinnern des Turniers. Viel war zu lesen über den angeblich schlechtesten EM-Teilnehmer aller Zeiten. Viel wurde gespottet über die “Doppelbelastung”, die das Absolvieren zweier Halbzeiten für die Elf von Coach Hickersberger bedeuten würde, und oft wurde die FIFA-Weltrangliste zitiert, auf der sich Österreich zwischen Mosambik und Thailand auf Platz 92 wiederfindet.

Nach zwei Gruppenspieltagen ist jedoch festzustellen, dass Österreich schon mehr Punkte gesammelt und Tore geschossen hat als etwa Titelverteidiger Griechenland und dass die “Schießbude” bisher ganze zwei Gegentore kassiert hat. Und wir, die wir wie immer ganz vorne dabei waren beim Spotten über unseren kleinen Nachbarn, können nun von Österreich abgeseilt werden und die großspurige Geringschätzung ist schmallippigen Durchhalteparolen gewichen.

Für die deutschen Gipfelstürmer ist die Ausgangslage vor dem entscheidenden dritten Gruppenspiel denkbar frustrierend. Der angestrebte erste Gruppenplatz ist bereits unerreichbar, im Viertelfinale warten auf den Zweitplatzierten der Gruppe B die starke Portugiesen. Ein Erfolg gegen Österreich wäre also lediglich das Erreichen des Minimalziels. Eine Aufgabe, deren Lösung keinen Ruhm verspricht. Niemand hat damit gerechnet, dass uns Österreich am letzten Gruppenspieltag überhaupt noch überholen kann. Ganz Deutschland treibt nun die ängstliche Frage um: Können sie’s nur theoretisch, oder auch praktisch?

Natürlich können sie. Die Art und Weise, wie Österreich die polnische Defensive durcheinanderwirbelte, war beeindruckend und durchaus dazu angetan, Bundestrainer Joachim Löw Sorgenfalten ins Gesicht zu treiben. Davon hat er jedoch ohnehin schon genug. Im Sturm unterboten sich Miroslav Klose und Mario Gomez bisher gegenseitig in punkto Harmlosigkeit, im Mittelfeld waren ausgerechnet die Führungsspieler Michael Ballack und Torsten Frings die Schwächsten, auf der Linksverteidiger-Position disqualifizierte sich Marcell Jansen mit einer indiskutablen Leistung für weitere Einsätze und im Kasten strahlt Jens Lehmann weiterhin Unsicherheit aus.

Es gibt nur eine Möglichkeit, einen Totalschaden zu verhindern. Alle Gedanken an die drohende Viertelfinalhürde und alle Vorurteile gegen den krassen Aussenseiter Österreich müssen raus aus den Köpfen unserer Spieler. Das berühmte Momentum ist auf Seiten der Gastgeber. Um dies zu brechen, brauchen wir kein Studium von Weltranglisten oder Vergleiche bezüglich der individuellen Klasse der einzelnen Spieler. Wir brauchen zwar keine Angst zu haben. Was wir aber brauchen, ist der nötige Respekt vor der österreichischen Nationalmannschaft. Jenen Respekt, der dem Fußballzwerg im Vorfeld viel zu oft verweigert wurde.